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von Gisela & Herbert Ruffer

Kapieren statt kopieren

Zwischenmenschliche Beziehungen brauchen Grenzen, eigene und die des anderen. Ein anderes Wort, das uns passender erscheint, ist Einfriedung. Darum geht’s: Dass Friede sei.
Darum muss ein „Stopp!“ nicht nur geachtet und respektiert, sondern sogar wertgeschätzt werden. Und damit verbunden ist zugleich, dass immer wieder neue Versuche unternommen werden, die Kluft zu überbrücken, die Hürden zu nehmen und die Zäune zu durchschreiten. Es braucht Türen und Brücken ebenso wie Begrenzungen und eine ’klare Kante’.

„Das geht mir jetzt zu weit“, ist ein durchaus legitimer Satz und sollte in einer guten Beziehung offen und ohne Bedrängnis ausgesprochen werden können, ebenso wie: „Wann kann ich es denn erneut probieren?“

Vor nicht allzu langer Zeit waren wir Zeuge einer inspirierenden Szene: Ein Paar am Nebentisch gerät sich in die Haare. Es entfacht sich ein Streit, und es wird sogar etwas lauter. Die anderen Gäste gucken schon etwas pikiert. Da sagt sie: „Liebling, hör’ mir bitte mal kurz zu und lass mich ausreden. Bin ich nicht die Frau, die du unter allen anderen für dich ausgewählt hast, damit sie mit dir lebt und dein Leben teilt?“ Er antwortete etwas verlegen: “Ja, klar, natürlich ... warum?“ – „Wenn das tatsächlich so ist, dann wähl’ jetzt bitte einen anderen Ton. Denn so wie du gerade mit mir redest, empfinde ich das sehr verletzend und würde am liebsten aufstehen und gehen.“ Worauf der betreffende Mann verdutzt meinte: „Stimmt, in dem Ton sollte ich nicht mit dir reden. Ich versuch’s nochmal anders.“ Dann ging das Gespräch weiter – ohne Eskalation. Grenze gesetzt. Grenze gewahrt.

Grenzen ermöglichen demnach Frieden, oder etwa nicht? Eine junge Dame, der wir davon erzählten, gefiel diese Geschichte so sehr, dass sie sich den genauen Wortlaut aufschrieb und ihn sogar auswendig lernte. Sie wollte ihn bei einem der zahlreichen Streitgespräche mit ihrem Partner verwenden, worauf der erwiderte: „Jetzt mach’ dich nicht lächerlich!“ Und der Streit ging weiter.

Offensichtlich genügt es nicht zu kopieren, man muss es kapieren. Aber statt einer Sache auf den Grund zu gehen, scheint es für viele Menschen einfacher, etwas nachzumachen. Leider haben Frauen wie Männer oft wenig Ehrgeiz, einen Sachverhalt zu ergründen und für sich zu verinnerlichen. Kopieren ist da viel bequemer. Grenzen so zu setzten, damit der Gesprächspartner sie akzeptieren, verstehen und wahren kann, ist jedoch eine Sache des Kapierens. Entsprechend ist unser Buch auch nicht als Kochbuch mit Rezepten für gute Grenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen gedacht, sondern eher als eine Art Studienreise zu einem Land umfriedeter und stabiler Beziehungen. Nicht dass es dort keine Konflikte oder Streitereien mehr gäbe – weit gefehlt. Aber die Menschen in jenem Land haben die erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, zunächst in ihrer inneren Landkarte die nötigen Grenzen zu erkennen, sie zu bestimmen, zu setzen und gegenüber ihren Mitmenschen zu vertreten. Das geschieht von innen nach außen.

Also: Bitte machen Sie sich die Mühe, die Tipps und Übungen in unserem Buch nicht nur zu kopieren, sondern zu kapieren, d.h. sie sorgsam zu durchdenken und zu verinnerlichen bevor sie diese anwenden.

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