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von Gisela & Herbert Ruffer

Menschen mit Entgrenzungssymptomen

Marie war eine alleinstehende junge Frau, als ihre Mutter sie zu uns brachte. In den letzten Jahren hatte sie diverse Therapien wegen Bulimie mit mittelprächtigem Ergebnis absolviert. In ihrem erlernten Beruf als Bäckereifachverkäuferin hatte sie schon wieder die Stelle verloren, nachdem sie sich einfach nicht an die Zeitvorgaben halten konnte und wollte. Sie verbrachte nach der normalen Arbeitszeit noch halbe Nächte damit, die Kasseneinnahmen zu zählen, die Auslagen zu putzen oder die Bleche zu reinigen. Wir nennen das ein Entgrenzungssymptom, wenn ein Mensch das Maß für die Dinge verliert.

Ihrem Chef war das eindeutig zu viel und er reagierte darauf nach mehreren Abmahnungen mit einer Kündigung. Nun sollte es darum gehen, sie nach der neuerlichen Negativerfahrung zu stabilisieren und mit ihr eine alternative berufliche Perspektive zu entwickeln. Während uns die Mutter die Lage kurz und knapp schildern wollte, fiel ihr Marie immer wieder ins Wort, um für alles weitschweifende Erklärungen zu liefern. Irgendwann gab die Mutter entnervt auf und ging.

Anfänglich erschien es fast unmöglich, auf eine direkte Frage eine knappe Antwort zu bekommen. Auf die freundliche Frage: „Marie, kannst Du mir sagen, wie spät es ist?“ kam folgende Antwort: „Ja, also als ich vorhin noch im Bus unterwegs war, da habe ich auf der Turmuhr gesehen, dass es eigentlich schon zu spät ist. Daher bin ich dann anschließend etwas schneller gelaufen. Als ich dann hier ankam, musste ich noch auf die Toilette. Und weil das bei mir immer etwas länger dauert, habe ich mir gedacht, dass sie vielleicht schon auf mich warten könnten. Aber weil Sie doch so nett sind, weiß ich, dass Sie das gerne für mich machen. Auf die Uhr habe ich jetzt noch nicht geschaut. Aber ich schätze, es ist etwa 14 Uhr. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber das könnte so in etwa hinkommen. Soll ich noch mal auf mein Handy sehen? Denn dann könnte ich ihnen die Uhrzeit nennen.“

All das sagte sie recht schnell und mit einem Strahlen im Gesicht. Das war jetzt eine simple Konversation. Nun müssen Sie sich tiefer gehende Gespräche über vergangene Therapien, die Umstände des Arbeitsplatzverlustes oder Zukunftswünsche vorstellen. Wir nennen es Entgrenzung, also kein Gefühl für die richtige Menge. Weder beim Essen noch bei der Zeit oder der angemessenen Anzahl an Worten. Marie bevorzugte lachend die Aussage: „So, bin ich halt!“

In einer unserer Therapiesitzungen sagten wir zu ihr: „Ja, so bist du. Aber das muss ja nicht so bleiben! Oder magst du dich etwa so? Magst du es denn wirklich, keinen Freund, keine Freundin und auch keine Arbeit zu haben?“ Für einen längeren Moment wurde sie nachdenklich und das war der Moment, der die Wende brachte.

Also: Menschen mit Entgrenzungssymptomen fehlt oft ein Gefühl für die richtige Menge. Sie können sich selbst nicht begrenzen. Entweder haben sie es nicht gelernt oder später eingebüßt. Solche Menschen brauchen Hilfe. Seien Sie ihnen nicht böse, denn sie sind halt so. Bis sie durch einen Veränderungsprozess hindurch anders geworden sind. Nichtsdestotrotz können, dürfen und sollten Sie die fehlenden Grenzen aufzeigen: „Halt! Stopp! Es reicht! Nicht mehr! Bitte! Es genügt!“

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